< zurück zur Übersicht der Aktivitäten

Vortrag – Afrikanische Kindheiten

Frühling 2015:
Afrikanische Kindheiten, Armut, Aids, Alkohol – wie gehen Kinder in Namibia damit um

Vortrag und Diskussion am 11. Mai 2015 um 19.00 Uhr
im Kulturhaus Osterfeld, Osterfeldstr. 12 in Pforzheim

Dr. Michaela Fink ist Soziologin und forscht an der Universität Gießen zur Waisenkrise in Namibia; seit 2004 ist sie Gründungs- und Vorstandsmitglied des gemeinnützigen Vereins
"Pallium – Forschung und Hilfe für soziale Projekte e.V.", der Kinderhilfsprojekte in Namibia unterstützt (www.pallium-ev.com).
In dem von ihr und Reimer Gronemeyer veröffentlichten Band „Afrikanische Kindheiten“ wird sehr differenziert darauf eingegangen, welche Gefährdungen durch Armut, durch die noch immer grassierende Aidspandemie und durch den weit verbreiteten Alkoholmissbrauch für die Kinder ausgehen. Es wird auch beschrieben, welche Kräfte die Familien entwickeln, um damit leben zu können. Ohne Unterstützung von „Graswurzelbewegungen“ vor Ort durch kleine und große private Initiativen wird ein gesellschaftlicher Fortschritt kaum zu schaffen sein.

Eine Veranstaltung von CAN e.V. und AIDS-Hilfe Pforzheim e.V.

Die Themen des Vortrags:
Namibia, HIV/AIDS und die Waisenkrise
Kulturspezifische Einflüsse im Umgang mit Kindern
Soziale Krisen und soziale Kräfte

Namibia ist das trockenstes Land südlich der Sahara (größtenteils Wüste und Halbwüste: Kalahari und Namib); zweimal so groß wie Deutschland, weniger Einwohner als Berlin; Bevölkerungsgruppen: Owambo, Herero, Nama, Damara, Kavango, Himba, Caprivianer, San (Buschleute), Rehobother Baster, Weiße; lebt von kleinbäuerlicher Landwirtschaft (v.a. Hirse- und Maisanbau), Viehzucht, Tourismus, Fischerei, Uran- und Diamanten-Minen; soziale Probleme: Armut, Alkoholismus, hohe AIDS-Rate, Waisenproblematik, hohe Suizidrate, Gewalt (vor allem gegen Frauen) Wegbrechen von Fördergeldern seit 2011 (Grund: Namibias Hochstufung als Land mit „höherem mittleren Einkommen“ durch die Weltbank). Allerdings ist Namibia auch das Land mit der größten Ungleichverteilung an Einkommen. Neben unermesslichen Reichtum finden sich vor allem bei der schwarzen Bevölkerung Armut und Hunger. Schwere Dürren verschärfen die ohnehin schwierige Situation der Aids-Waisen und der von HIV/Aids betroffenen Kinder. Die Familien geraten zunehmend an den Rand ihrer sozialen und ökonomischen Kräfte.

Zahlen: HIV-Prävalenz: 13,4% in der Altersgruppe 15-49 Jahre; 18,8% schwangere Frauen in vorgeburtlicher Behandlung; Tendenz: Geringe HIV-Rate bei Neugeborenen (PMTCT); Anstieg der Infektionen bei Jugendlichen; ARV (Antiretrovirale Behandlung) frei verfügbar; Hürden: Transport, Hunger, Alkoholismus, Diskriminierung, Depressionen; Die Mehrzahl der (AIDS-)Waisen lebt in den ländlichen Regionen im Norden des Landes. Landesweit sind 13% aller Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren Halb- oder Vollwaisen.
“Ich habe im Krankenhaus täglich mit HIV-Patienten zu tun. Viele von ihnen halten sich nicht an die Behandlungsvorschriften, weil sie nicht genug zu Essen haben. Manchmal finde ich volle Tablettenboxen in den Toiletten. Die Leute werfen sie weg, weil sie keine Hoffnung mehr haben. Junge Mütter können sich Milchpulver nicht leisten, viele Babys sterben an Mangelernährung. Die Kinder sind oft nicht geplant und die jungen Männer wollen von ihrer Vaterschaft nichts wissen. Die Mädchen sind allein gelassen und handeln dann unverantwortlich und verzweifelt, setzen Kinder aus oder töten sie.”
Sozialarbeiter, Katutura

Stärke der Community: Die meisten Waisen leben in ihrer erweiterten Großfamilie - vor allem bei den Großmüttern auf dem Land. Deren Hirsefeld und staatliche Altersrente (1.000 ND, ca. 80 Euro) stellt die wichtigste Versorgungsgrundlage für die Kinder dar. Kinder werden auf dem Land und bei der Versorgung der Älteren gebraucht; hohe Kinderzahl = Prestige.

Soziale Elternschaft: Kinder weggeben ist eine kulturelle Praxis. Okutekulwa = wörtlich „zähmen“, bezeichnet das Aufwachsen von Kindern bei anderen Personen als den biologischen Eltern. Kinder werden oft von ihren Namensvetterinnen (namesake/ mbushe), von Großmüttern, Tanten, Schwestern aufgezogen; nur ca. ¼ aller Kinder in Namibia lebt bei beiden biologischen Eltern. „In Westafrika ist es normal und üblich, dass Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen. Auch ohne dass Krankheit, Tod oder Armut der leiblichen Eltern dies erzwingen, leben sie häufig in der Obhut von anderen Erwachsenen, die sie als Eltern erleben und respektieren. Diese sozialen Eltern-Kind-Beziehungen werden durch die fehlende biologische Abstammung keineswegs beeinträchtigt und von den leiblichen Eltern anerkannt, in vielen Fällen sogar gewünscht“. Kinder gehören in der Ovambo-Tradition zu ihrer Mutter, nicht zum Vater. Der Bruder der Mutter spielt eine zentrale Rolle bei der Versorgung der Kinder und auch im Blick auf Kindspflegschaften. Zugleich ist das System der Verantwortlichkeiten sehr komplex und variabel. Die gegenwärtige Waisenkrise zwingt sowohl die paternale als auch die maternale Verwandtschaft zur Aufnahme von Kindern. Diese Tradition ermöglicht es den meisten Kindern, trotz Verlust der leiblichen Eltern, in der Großfamilie aufzuwachsen. Große Probleme entstehen vor allem durch Armut und Hunger und die Folgen der Aidsepidemie.

Vortrag – Afrikanische Kindheiten