< zurück zur Übersicht der Themen

Aids in Namibia

Namibia gehört zu den fünf am Stärksten von HIV / AIDS betroffenen Ländern der Welt. Die Aids-Infektionsrate liegt derzeit bei knapp 20 %, schwankt regional stark (zwischen 9 % im Süden und
42 % im Caprivi), ist aber seit 2004 leicht rückläufig. Aids ist Todesursache Nr.1 in Namibia. 85.000 Kindern und Jugendliche sind AIDS-Waisen. 2005 waren das laut Unicef 11,03 % der Kinder.

Die Situation der Kinder mit HIV/Aids ist besorgniserregend. Neun von zehn infizieren sich während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder beim Stillen mit dem Virus der Mutter. Nur etwa 5% bis 10% der Kinder können in Afrika mit der antiretroviralen Therapie behandelt werden (wobei der Anteil HIV/Aids infizierter Erwachsener mit antiretroviraler Therapie in Namibia 2005 schon bei 50% bis 74% lag). Die Pharmaindustrie ist an der Entwicklung von Medikamenten speziell für Kinder nicht interessiert, das es dafür in den Industrieländern keinen Markt gibt. In einigen Ländern ist Aids bereits die häufigste Todesursache bei Kindern. Etwa 50 % der HIV-positiven Kinder sterben vor ihrem 2. Geburtstag. (Deutsches Ärzteblatt Dez. 2006)

HIV/AIDS ist das Hauptproblem des Gesundheitswesens und wird auch zukünftig einen erheblichen Teil der Mittel für die Gesundheitsversorgung verschlingen. Im gesellschaftlichen Bereich hat HIV/AIDS Auswirkungen auf das familiäre Zusammenleben, da Familien durch Krankheit und Todesfälle vermehrt auseinander brechen. Dem Arbeitsmarkt werden in den nächsten 10 bis 15 Jahren schätzungsweise ein Viertel der Arbeitskräfte verloren gehen.

Trotz verstärkter Bemühungen in der AIDS-Aufklärung ist der Wissensstand in der Bevölkerung immer noch gering bzw. die Wahrnehmung von HIV/AIDS und dessen Folgen gesellschaftlich nicht breit verankert.

Es gibt genügend Aufklärungsbroschüren und großflächige Plakate, die für den Gebrauch von Kondomen werben. Jedoch entspricht das nicht den Traditionen und Werten, die die schwarze Bevölkerung Namibias pflegt.

Diese Krankheit in ihrer immensen Ausbreitung ist nur zu verstehen aus dem Lebensgefühl der Menschen. Zum einen gilt Sexualität und die offene Auseinandersetzung darüber als ein Tabu. Es gibt keinen Begriff in den ursprünglichen Sprachen für Sexualität. Zum anderen galt und gilt der Austausch von Säften als etwas Gesundes. Wo Kinder willkommen sind und die Fruchtbarkeit als ein hohes Gut gilt, ist die Trennung von Sexualität als Grundlage der Arterhaltung und als ein allein der Befriedigung dienenden Aktes nicht so leicht eingängig.

Dass HIV/Aids sich so entwickeln konnte, hat wesentlich mit der Zerschlagung der familiären und sozialen Strukturen zu tun. Männer, die hunderte von Kilometern entfernt von ihren Familien leben und alle Monate einmal nach Hause kommen, Frauen, die entwurzelt sind und in den Slums der Großstädte als Prostituierte versuchen zu überleben, haben wesentlich dazu beigetragen.

Buch_GronemeyerHIV/Aids ist also ein Problem, dass in der Reihe der Veränderungen steht, die Südafrika seit dem Kolonialismus im 18. und 19. Jahrhundert erfahren hat und die in der Apartheid und der heutigen Globalisierung seine Fortsetzung findet. Die starke Infektionsrate ist also nicht durch die Unbelehrbarkeit der Menschen zu begründen, sie ist nicht am Individuum alleine festzumachen und es verbietet sich ebenfall geläufige Stigmatisierungen, wie z.B. dass der Schwarze eben mehr triebgesteuert sei. Das offenbar zu beobachtende hohe Ausmaß an sexueller Gewalt, an Vergewaltigungen, hat ebenfalls seine Ursache in sozialen Verwerfungen. HIV/Aids ist in dieser Dimension die Folge gesellschaftlicher Prozesse.

Quelle: Reimer Gronemeyer: So stirbt man an Aids in Afrika

AIDS in Namibia AIDS in Namibia