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Reisebericht 2012

Wie in jedem Jahr fand auch 2012 ein einwöchiger Besuch in Namibia statt. Wir wollen mit eigenen Augen sehen, wie sich die Projekte entwickeln, die wir unterstützen und wollen erfahren, was noch gebraucht wird. Um auch Ihnen ein Bild zu machen über die aktuelle Situation...

Alleine etwa 9000 Kilometer Luftlinie von zuhause entfernt in einem anderen Kulturkreis braucht man einen ortskundigen, Linksverkehr gewohnten Freund. Wie schon 2011, begleitete mich Costa Khaiseb, Profifußballer bei den CIVICs, einem Verein in Namibia, ehemaliger Nationalspieler und zumindest den sportbegeisterten Namibiern sehr bekannter junger Mann.

Das Projekt Granny

Seit Januar 2012 unterstützen wir das Projekt von WASN (Women and Aids Support Network) einer Frauenorganisation in Katutura. Die Vorsitzende ist Agnes Tom, seit vielen Jahren Leiterin des Baby Haven, eines Heimes für Aids-Waisen. Ihrer Tochter Lulu und andere Frauen kümmern sich um Großeltern / Großmütter, die ihre Enkel aufgenommen haben und versorgen. Die Eltern sind an Aids gestorben. Einige dieser Kinder in den Groß(eltern)familien sind häufig selbst infiziert. Da die staatliche Unterstützung bei weitem nicht ausreicht, erhalten derzeit 24 solcher Familien von dem Verein Beratung in Fragen von Hygiene und Behandlung der HIV/Aids-infizierten Kinder und finanzielle Unterstützung, wenn es um Schulgeld und um Schuluniformen für die Kinder geht sowie Lebensmittelpakete.

Zusammen mit Lulu waren wir bei Familie T. Abseits gelegen, nur über eine ausgewaschene Piste zu erreichen. Familie T. bewohnt ein kleines Haus aus Stein. Nach der Unabhängigkeit von Namibia und den ersten sozialistischen Reformen hat die Familie diese Häuschen vom Staat bekommen. Eine Seltenheit.

Wir kamen etwas ungelegen, es war Mittagszeit. Einige der Kinder der 16köpfigen Familie war damit beschäftigt einen halben Maiskolben zu essen. Es wird das geteilt, was da ist. Und an diesen Tag gab es statt des obligatorischen Tellers Brei den Maiskolben. Die monatliche Rente von umgerechnet 50,- Euro reicht nicht für mehr. Für meinen Begleiter Costa war das alles nicht fremd. Er hat in seiner Familie ähnliche Verhältnisse kennen gelernt. Jetzt lebt er in einem relativen Wohlstand, nicht zu vergleichen mit den europäischen Profifußballern. Ein eigenes Auto kann auch er sich bisher nicht leisten.

Armut und Fröhlichkeit sind kein Widerspruch, das wird auch bei Familie T. deutlich. Wir werden freundlich begrüßt, es wird gelacht, die sprichwörtliche afrikanische Freundlichkeit und Neugier empfängt uns. Die Sorge um das, was morgen ist, steht nicht im Vordergrund, gelebt wird jetzt. Bei der Frage, ob wir ein Foto machen können, beschäftigt die Großmutter, in ihrer Hererotracht, vor allem, dass Ihre Zahnlücke nicht sichtbar wird. Zum Glück fotografiert Costa. Ich selbst habe immer wieder die Bedenken, ob ich so ein Foto überhaupt aufnehmen kann, ob ich nicht ihre Persönlichkeitsrechte verletze. Unbefangenheit gibt es bei mir sehr viel weniger. Aber Spender wollen Bilder sehen. Bei uns ist Realität, was wir sehen, auch wenn sie noch so fern von uns ist.

Nach der Rückkehr von diesem Ausflug in die absolute namibische Armut treffen wir wieder auf Agnes Tom, diese imposante Persönlichkeit, im Rollstuhl sitzend, bewegungseingeschränkt und dennoch präsent, der Baby-Haven und das Hilfsprojekt sind ihr Leben. Sie schildert die Probleme und Schwierigkeiten ihrer Arbeit, aber mehr noch die Erfolge und positiven Entwicklungen. Beeindruckend dabei ihre Energie, ihr Charisma mit der sie beschreibt, was es alles noch zu tun gibt, welche Vorurteile immer noch überwunden werden müssen, wie HIV/Aids tabuisiert wird, wie wenig diese Krankheit mit ihrem endemischem Ausmaß in Katutura die Community beschäftigt, wie wenig Gehör sie bei ihrem Versuch erfährt, wenn es um Aufklärung geht. „Wenn Du dabei wärest" war ihr Appell an Costa Khaiseb, „dann kämen die jungen Leute, dann würden sie zuhören".

Das scheint nachhaltig gewirkt zu haben. Am nächsten Tag zeigte mir Costa eine Skizze, wie er, als bekannter Sportler die Arbeit von Agnes Tom unterstützen wolle und damit einen Teil zur Aidsprävention beitragen könne. Er denkt darüber nach, eine Organisation von Spielern gegen Aids zu gründen. Welche Wirkung eigentlich zufällige Begegnungen haben können, wird hier deutlich.

Die Tour durch Armut und Bedürftigkeit fand ihre Fortsetzung:

Erica-Pre-Primary-Kindergarten

Wie immer gibt es hier ein Begrüßungslied. In der ersten Reihe ein Kind das ich kenne, doch Erika klärt mich auf, es ist der kleine Bruder, des Jungen, der durch sein keckes Auftreten auch schon vor zwei Jahren aufgefallen ist. Die Kinder werden jetzt schon im Alter von wenigen Monaten aufgenommen, Dafür braucht man Schlafplätze, die Kinder liegen noch auf dem Boden, auf Decken und dünnen Matten. 10 Matratzen für umgerechnet 190,- Euro können dem abhelfen. Das wenige, was in Namibia wirklich billig war. Ansonsten habe ich über die Preise gemessen am geringen Einkommen der Bevölkerung als recht hoch erlebt. Erica und die Kinder haben sich gefreut.

Kindergarten des Freedom-Square-Community-Center

Wieder ganz am Anfang steht dieser Kindergarten. Man kann den Himmel durch das Dach sehen, Das Holz der Wände verfault. Die 40 Kinder sind provisorisch in einem Versammlungssaal untergebracht. Hier sitzen sie auf ihren Plastikstühlchen in einer Reihe. Natürlich auch hier das Begrüßungslied, vorgetragen laut und mit Inbrunst. Hier können die Kinder nicht bleiben. Kindgerecht, zumindest nach unseren auch sehr minimierten Vorstellungen ist hier nichts. Das sieht auch die Kindergartenleiterin so.

In den nächsten Wochen werden die Renovierungsarbeiten mit gleichzeitiger Vergrößerung des Kindergartens beginnen. Wir werden über die Fortschritte informiert. Frau Möller, die mit ihrem Mann in Windhuk lebt, hat den Kontakt hergestellt und übernimmt für uns die „Bauleitung". Wir haben die begründete Hoffnung für diesen Kindergarten eine Patenschaft mit dem Kindergarten einer kleinen Gemeinde hier anbahnen zu können.

Wir werden auf unserer Homepage den Verlauf und das Ergebnis der Arbeiten dokumentieren.

Inzwischen hat sich herausgestellt, dass der Neubau des Kindergartens genau so teuer kommt, wie die Sanierung. Hier entsteht das neue Fundament.

CAN-Suppenküche in Hoachanas

Dann wieder mit Costa unterwegs. 240 Kilometer durch die namibische Landschaft auf geteerten Landstraßen und befestigten, geschotterten Pisten. Man merkt Costa an, dass ihn diese Ausflüge beschäftigen. Im letzten Jahr schon hat er sich über seine Wahrnehmungen in Hoachanas geäußert. Ihm war aufgefallen, dass die jungen Leute alle eine Aufgabe hatten und einer Beschäftigung nachgingen, anders als in seinem Dorf, aus dem er stammt. Alkoholisierte Jugendliche, oft eine Folge von Armut und Perspektivlosigkeit, hatte er nicht gesehen. Vielleicht eine Folge der schon seit Jahren laufenden Unterstützung durch den Hoachanas Children Fund?

Unsere Küche läuft seit September vergangenen Jahres. Seit Anfang 2012 steht dafür das neu errichtete Zinkhaus zur Verfügung. Auch Teller, Besteck, Töpfe und anderen Haushaltsutensilien sind jetzt ausreichend vorhanden.

Die Köchin Frau Elizabeth Tsaitsais kocht nicht nur, sondern hat auch ein gutes Händchen für ihren Garten. Das was sie erntet, fließt auch mit in die Suppenküche. Es scheint ein Wettbewerb zwischen den Suppenküchen und den Gärten zu geben, die zu den Küchen gehören. Frau Tsaitsais wird sicher einen guten Platz belegen. Die gespendeten Setzlinge und der Samen könnten das Ergebnis noch steigern.

Liebe Spenderinnen und Spender – Wir brauchen Sie/Euch auch weiterhin. Hilfe hat nur dann eine Wirkung wenn sie nachhaltig ist.

Konrad Buch

Reisebericht 2012