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Reiseberichte 2013

Ulrich Hähner in Namibia – vom 06. bis 16. Februar 2013

Teil 01

Katutura – der Ort an dem sich drei unserer unterstützten Projekte befinden. Es gibt eine große Diskrepanz zwischen meinem Reiseführer und den eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen. Der Reiseführer spricht von den Verbesserungen, von geteerten Straßen, von Wasserversorgung, von Steinhäusern. Bis auf die Squatter Camps sei viel im Umbruch. Mein Reiseführer sieht offenbar nicht, dass die Mehrheit der Behausungen immer noch aus Wellblech und anderen Materialien bestehen, dass diese Teile Katuturas immer noch schwer erreichbar sind. Er schreibt nichts über die Armut, die Arbeitslosigkeit, die schon im Landesdurchschnitt über 50 Prozent liegt. Es gibt keine genauen Zahlen für Katutura. Man versucht sich hier in kleinen Unternehmungen, in unzähligen Barbershops, Beautysalons, Car-Wash, Grillstationen und Hühnerverkauf, Bars in Wellblechhütten rings um das Vergnügungsviertel Evelynstreet. Mein Reiseführer schreibt nur am Rande über Aids, wobei nach den Informationen, die wir bekommen haben, die Infektionsrate in diesem Bereich bei über 30 Prozent liegt. Mangelernährung, hohe Krankheitsraten, Alkoholmissbrauch finden keine Erwähnung. Mein Reiseführer warnt allerdings eindringlich vor Kriminalität, vor Raub, davor, sich in der Dunkelheit alleine durch den größten Stadtteil Windhoeks zu bewegen. Da mag er sogar recht haben. Armes Windhoek, reiches Windhoek. Die Innenstadt ist vergleichbar mit einer mitteleuropäischen Großstadt von 100.000 Einwohnern. Viel Verkehr, edle Geschäfte, Kaufhäuser. In den Randbereichen wie Klein Windhoek wohnen viele weiße, deutschstämmige Namibier, mit Mauern, Stacheldraht und Elektro­zäunen gesicherte Bungalows, vergitterten Fenstern und Türen, meist mit Swimmingpool, Carport. Die Einbruchskriminalität sei hoch, man müsse sich schützen, sagt man uns. Reichtum und Armut so dicht aufeinander und in einem derartigen Gegensatz. Sind das noch die Nachwehen der Apartheid? Hat der sozialistische Staat Namibia nicht genügend Möglichkeiten, etwas dagegen zu unternehmen? Antworten darauf haben wir nicht. Bewertungen stehen uns nicht zu. Und es tut sich was. Wir erfahren, dass es eine Quote in Unternehmen gibt, die den Schwarzen Zugang zu Arbeitsplätzen verschaffen sollen. Wir sollten sehen, dass die Unabhängigkeit Namibias erst seit 1992 besteht. Vielleicht noch eine zu kurze Zeit für tiefgreifende Veränderungen. Unsere Aktivitäten, Children‘s Aid in Namibia, stoßen bei den Weißen, mit denen wir gesprochen haben, auf eher verhaltenes Interesse, man nimmt es wahr.

Donnerstag, den 07. Februar 2013

Der erste Besuch gilt dem Ombili Community Center Kindergarten, gegenüber vom Kaufhaus Woermann & Brock. Ein Gebiet mit kleinen Steinhäusern und Wellblechhütten, recht zentral in Katutura gelegen. Im vergangenen Jahr musste dieser Kindergarten neu gebaut werden. Frau Möller hat den Neubau betreut und CAN hat ihn finanziert. Wir treffen sie und den Leiter des Zentrums Herrn Gerhard dort. Wir können das Wellblechgebäude bewundern. Etwa 25 qm groß, ausgestattet mit kleinen Tischen und Stühlen aus Plastik, bietet es etwa 30 Kindern Platz. Außer einem kleinen Regal aus Brettern und Steinen für Papier, Stifte und Spielzeug ist der Raum leer. An einer Wand hängen Unterrichtsmaterialien für die Vorschulkinder. Die sitzen vergleichbar ruhig und konzentriert vor ihren Vorlagen, die sie versuchen mit Farbstiften auszumalen; sehr ernsthaft bei der Arbeit und je nach Alter und erworbenen Fähigkeiten erfolgreich. Es wird Wert auf Bildung gelegt. Die Kinder sollen vorbereitet werden auf die Schule. Auf uns reagieren die Kinder recht zurückhaltend. Bleiben an ihren Tischen sitzen, schauen, was wir machen. Uns fällt auf, wie sauber und adrett diese Kinder gekleidet sind. Frau Möller berichtet, dass sich die Werte gegenüber unserer Gesellschaft verschoben haben. Zunächst geht es darum, Wasser und Strom zu bezahlen, für billige Kleidung zu sorgen und dann kommt das Essen. Ein großer Teil auch dieser Kinder sei mangelernährt. Zucker spiele eine große Rolle. Süßigkeiten seien billig und sättigend mit der möglichen Folge früher Diabeteserkrankungen. Eigentlich brauchen die Kinder täglich eine ausgewogene Mahlzeit. Noch eine Aufgabe für uns?

Freitag, den 08. Februar 2013

Die „Erica-Pre-Primary School & Day Care” war unser erstes Projekt. Hier haben wir mit der Unterstützung von Zebald Rijatua ein Sonnen- und Regendach gebaut. Ericas Kindergarten liegt an einer holprigen Nebenstraße im Ortsteil Goreamgab in Katutura. Ohne Costa Khaiseb, unserem verlässlichen Begleiter, hätten wir Erica nicht gefunden. Wie die meisten Kindergärten hier in Katutura ist auch der von Erica eine private Initiative. Auch hier wird wie im Ombili Kindergarten von den Eltern ein Beitrag von 150 Namibischen Dollar erwartet. Wenn man davon ausgeht, dass das Durchschnittseinkommen sehr gering ist, bei einer Beschäftigung beträgt das Einkommen etwa 1000 ND im Monat, ist das sehr viel. Meist muss davon eine ganze Familie ernährt werden. Etwa 1/3 der Menschen leben unterhalb der von der UNO definierten absoluten Armutsgrenze von 1 USD pro Tag. Erica erhält daher nur von wenigen einen vollen Kindergartenbeitrag, sie passt ihn den Einkommensverhältnissen der Mütter oder der Familie an. Es ist Frühstückspause, als wir kommen, die Kinder sitzen unter dem Sonnendach auf ihren Plastikstühlen und essen das, was sie von zuhause mitgebracht haben. Reis, Nudeln, trockenes Weißbrot. Eine Spende einer Südafrikanischen Firma lässt sie fast alle in orangefarbigen T-Shirts erscheinen. Erica und zwei jüngere Frauen betreuen an die 50 Kinder im Alter von vier Monaten bis zu sechs Jahren, zum Teil ganztägig. Auch hier wird viel Wert auf eine frühe Bildung gelegt. Die Kinder lernen Buchstaben, Zahlen, lernen die Jahreszeiten und andere Grundlagen. Der hintere Raum der ehemaligen Wohnung ist als Vorschule eingerichtet. Die Küche dient der eigenen Familie und wird auch für die Kinder genutzt, die ganztags betreut werden. Sie bekommen eine einfache Mahlzeit. Erica scheint in dem alten Wohnwagen zu leben, der unter dem Sonnendach steht. Es wurden Lösungen gefunden, für westeuropäische Augen ungewöhnlich, für afrikanische Verhältnisse offensichtlich gut und angemessen. Die Kleinen befinden sich in einem Nebenraum, mit unverputzten Backsteinwänden und dürftig ausgelegt mit den zwei von zehn verbliebenen Matratzen, die Konrad im vergangenen Jahr beschafft hat. Das Material hält die Kinder offensichtlich nicht aus. Alles wirkt ärmlich und bedrückend. Die vielen Kleinen lassen erahnen, dass die Mütter früh wieder versuchen müssen, Geld zu verdienen. Anrührend sind die unmittelbaren Reaktionen. Ich zeige Erica den Flyer vom vergangenen Jahr. Sie erkennt sich auf dem Bild wieder und läuft sofort zu ihren Kolleginnen und zeigt sie ihnen. Überwältigende Freude und Lachen. Auch in diesem Jahr waren wir wieder bei Namibic Foam und haben neue Matten besorgt, und im PEP-Shop zehn Decken zu je 39,– ND, ein großer Wunsch von Erica. Auch hier erfahren wir unendliche Dankbarkeit und viele „God bless you“.

Teil 02

Samstag, den 09. Februar 2013

Women and Aids Support Network (WASN)

Lulu, die Repräsentantin von WASN, eine faszinierende Persönlichkeit unschätzbaren Alters. Von der Erscheinung eher 25, vom Auftreten, der Wirkung und Erfahrung wesentlich älter, empfängt uns im Baby Haven und beginnt sofort, über die Kinder, die Geschichte, die Entwicklung und Finanzierung zu berichten. Von den vielen HIV-infizierten Babys, die sie am Anfang im Heim aufgenommen haben, die dann alle recht schnell starben, über die Kinder, die dort groß geworden sind, jetzt zum Teil wieder in ihren Herkunftsfamilien leben, über Erfolge und Misserfolge und die Veränderungen, denen dieses Projekt immer wieder unterliegt, weil man sich den veränderten Notwendigkeiten in Katutura anpassen muss. Sie berichtet über die Netzwerke, die entstanden sind mit Kliniken, staatlichen Sozialarbeitern, der Polizei, den Schulen, erzählt von Spendern und Spenden, die man manchmal gar nicht brauchen kann und eben von der unermüdlichen Arbeit, die sie zunächst unter der Mutter, Agnes Tom gemacht hat, und nun selbst übernimmt, und die nötig ist ein solches Projekt wie den Baby Haven und die ambulante, aufsuchende Hilfe im Granny-Projekt zu leisten. Sie berichtet über die Stigmatisierung von Familien, in denen ein Kind an Aids gestorben ist. Mit diesen Familien wollte niemand mehr zu tun haben. Zu groß sind überall die Ängste vor dieser Krankheit und gleichzeitig wiederum die Nachlässigkeit im Umgang damit oder in der Verhütung. Mit Familien über Aidsprävention zu reden, die keinerlei Vorbildung haben, nicht lesen können, nicht Englisch sprechen sondern nur die Sprache ihrer Bevölkerungsgruppe, bringt auch sie in Schwierigkeiten. Großeltern beizubringen, wann die Medikamente bei HIV-Infektion genommen werden müssen, dahinter stecken oft viele Mühen, kreative Ideen, unendlich viel Geduld und viele Besuche. Man kann ihr fasziniert zuhören. Lulu macht deutlich, dass sie den offiziellen Statistiken nicht traut, in ihrem eigenen Erleben bestätigen sie sich nicht. Es sterben immer noch viele Menschen an Aids. Ob die Infektionsrate wirklich zurückgegangen ist, lässt sich nicht sagen, sie meint, das sei mehr der Glaube der Regierung. Die Größe des frisch ausgehobenen Gräberfeldes eines der beiden Friedhöfe in Katutura, das wir im Vorüberfahren betrachten können, lässt erahnen, dass der Tod sehr gegenwärtig ist. Was macht jetzt WASN? Lulu spricht von 40 Familien, die unterschiedlich intensiv betreut werden, manche bekommen fast täglich Besuch, bei anderen ist es die Begleitung zum Krankenhaus, vielleicht nur einmal im Monat, die nächste Familie erhält wöchentlich eine Lebensmittelration. Bevor wir losfahren, um drei Familien aufzusuchen, damit wir uns selbst ein Bild machen können, holt Lulu insgesamt vier Plastiktüten aus dem Haus. Alle gefüllt mit dem Notwendigsten, was eine Familie für die Grundernährung braucht: Maismehl, Öl, Nudeln, die Knorr-Tütensuppe und Kerzen, für die, die keinen Stromanschluss haben. Frisches Gemüse und Obst fehlt, fehlt auch im Baby Haven berichtet Lulu. Es ist in der Menge, in der es benötigt würde, nicht bezahlbar. Zu fünft fahren wir los. Lulu, die Chefin, ihr Bruder oder Mann? Er ist uns nicht vorgestellt worden, Männer spielen in diesem Geschäft keine Rolle, es sei denn als Fahrer, Angelika, die die Sprache der Herero spricht, Georg, der mich begleitende Freund, und ich. Abseits neben der geteerten Evelyn Street auf einem ausgewaschenen Weg erreichen wir das Haus von Frau Booj, eine größere Wellblechhütte, umzäunt von einem rostigen Drahtzaun. Es gibt keine Elektrizität hier, das Wasser muss an einer Wasserstelle geholt werden. Während Lulu im Haus verschwindet, werden wir von der Nachbarschaft beäugt. Sofort haben wir ein paar Kinder um uns, die auch gleich sehen, dass wir fotografieren und sich vor uns in Szene setzen. Die Jungs unterscheiden sich in ihrem Verhalten und in ihren teils albernen, teils machohaften Gesten wenig von den Jungs in unseren Kulturkreis. Männliche Selbstdarstellung scheint kulturübergreifend zu sein. Frau Booj ist 65 Jahre und lebt hier alleine mit drei halbwüchsigen Enkeln und einer Enkeltochter. Die Kinder sind nicht zuhause. Frau Booj ist Witwe, ihr Mann, erzählt sie, ist bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen. Ursprünglich kommt sie aus Südafrika. Vielleicht ist das der Grund, warum sie die sonst übliche Rente von 550 ND, das entspricht in etwa 55,– Euro, nicht bekommt. Wir erfahren es nicht. Frau Booj und ihre Kinder sind gänzlich auf Unterstützung angewiesen. Es ist Samstag und schulfrei. Die Jungs versuchen vielleicht ein paar Dollar dazu zu verdienen, vielleicht beim Car-Wash oder als Parkplatzwärter oder … Es wird nicht viel sein. Frau Booj freut sich über das Lebensmittelpacket, bittet uns ins Haus und bietet uns einen Platz auf den hier üblichen Plastikstühlen an. Im Haus ist alles peinlich sauber, kein Staub und Schmutz auf dem Boden, die wenigen Besitztümer und das Küchengeschirr säuberlich aufgereiht. Frau Booj hat es sich und ihren Enkeln gemütlich gemacht. Wie es gesundheitlich steht, wann die Eltern gestorben sind und wie lange die Enkel schon bei ihr leben, erfahren wir nicht und wagen es auch nicht zu erfragen. Das würde mehr Vertrautheit voraussetzen. Hier sind wir nur kurz zu Besuch, haben das Gefühl gerne gesehen zu sein und bekommen auch hier das herzliche „God bless you“. Die Großelternfamilie Musuuo mit den neun Kindern hat sich vor dem Haus versammelt. Großvater und Mutter sitzen auf einer Bank unter einem Sonnenschutz, vor Ihnen ein großer Topf auf einem Feuer. Die Mutter in ihrer Tracht entfernt von einem undefinierbaren Stück Haut oder Fett ein kleines Stück Fleisch, das sie sich in den Mund schiebt. Das Gespräch können wir nicht verfolgen. Es wird in der Sprache der Großeltern kommuniziert. Die Kinder sprechen Englisch bis auf die kleinen. Irgendwann steht die Großmutter, mühsam gestützt auf, hebt den Deckel vom Topf und rührt die Knochen und Fleischreste um, die dort ausgekocht werden. Für unsere Gewohnheiten ein, die wir uns eher Steaks und Filets goutieren, keine angenehme Vorstellung, dass das einen Teil der Ernährung ausmacht. Lulu hat für diese Familie zwei große Tüten mit Lebensmitteln vorbereitet.

Beim Abschied betrachten wir noch einmal die Schilder am Zaun; das selbst gemalte Schild „Musuuo Trading Enterprise“, dahinter zwei Autos, die, nur das ist noch vorstellbar, ausgeschlachtet werden und Herr Mussuuo versucht offenbar mit dem Verkauf der Ersatzteile ein paar Dollar zu verdienen. Daneben hängt das Schild, das auf den „hair Salon“ hinweist in der kleinen Hütte neben dem Haus. Wir schließen daraus, dass die älteste Tochter dieser Unternehmung nachgeht. In Katutura gibt es viele dieser Hair Salons. Eine Möglichkeit mit der Schneidemaschine oder geduldigem kunstvollem Flechten der Haare zum Familieneinkommen beizutragen. Besuch bei Familie T., bekannt von der letzten Reise im April 2012. Die Großmutter T. wird mit ihren 14 Enkelkindern und einem Urenkel seit einiger Zeit von WASN unterstützt. Regelmäßige Lebensmittelpakete sichern, dass die Kinder sich entwickeln und weiter in die Schule gehen können. Heute begegnen wir nur Frau T. und zwei kleinen Kindern, auch dem, der im vergangenen Jahr noch im Arm der jungen Mutter lag. Die Familie ist krank. Frau T. sitzt auf dem Boden, die beiden Kleinen wuseln um sie herum, es scheint als merkten sie, dass hier alles unsicher und in Unordnung ist. Frau T. klagt über Bauch- und Rückenschmerzen. Man sieht ihr an, dass es ihr sehr schlecht geht. Die Mutter des Kleinsten schläft im Nebenraum, alles wirkt vernachlässigt. Selbst Lulu und Angelika sind erschüttert, wissen nicht wie es weitergehen kann. Wir bleiben nur kurz, gehen beklommen aus dem Haus, Lulu meldet den nächsten Besuch für Montag an, heute ist es Samstag. Die Befürchtung kommt auf, dass das die nächsten Kinder für den Baby Haven sein könnten. Wir verlassen den Ort, nach einem weiteren kurzen Besuch im Baby Haven, sehr beeindruckt. Wir haben Armut gesehen und gespürt. Wir sehen die Notwendigkeit der Arbeit die WASN leistet und wir sind überzeugt, dass die Gelder, die uns unsere Spender überlassen in jedem Fall gut angelegt sind.

Teil 03

Montag, 11. Februar 2013

Hoachanas – etwa 3 Stunden südöstlich von Windhoek, in der Klicksprache der Nama schreibt es sich !Hoaxa!nas, wobei das Ausrufezeichen jeweils für einen Klick steht. Zungenartistik für einen Westeuropäer. Hoachanas liegt am Rande der Kalahari-Wüste. Ein flaches Land, einzelne große Bäume und Sträucher; ansonsten karger Boden, es scheint zunächst nicht so, als könne man hier etwas anbauen. Auf einer großen Fläche verteilen sich die Hütten oder kleinen Steinhäuser mit Wellblechdach. Direkt am Ortseingang von Windhoek aus, die Arche. Das Zentrum des Hoachanas Children Fund. Hier werden wir empfangen von Gretha, der kleinen, drahtigen, selbstbewussten Frau und von Wesley, dem 23jährigen jungen Mann, eher zurückhaltend, der weiß, dass Gretha hier das Sagen hat. Gretha erzählt uns sofort von den Aufgaben, die es hier im Dorf zu erfüllen gibt. Insgesamt werden 250 Kinder unterstützt, sehr unterschiedlich sind dabei die Formen der Unterstützung, vom Fahrgeld für die Schüler, die die weiterführende Schule in Rehoboth besuchen bis zur Unterstützung der Großelternfamilien, die auch hier die Kinder aufnehmen, wenn die Generation der Eltern an Aids oder anderen Krankheiten gestorben sind. Es existieren sechs Suppenküchen. Vier Babys sind mit im Programm, deren Mütter HIV-infiziert sind, sie dürfen nicht stillen, wollen sie das Virus nicht übertragen, und sie sind zu arm, um Babynahrung kaufen zu können. Nur diese Unterstützung gibt den Babys eine Chance. Alles ist genau aufgelistet. Hier wird vorbildlich Buch geführt, über jede Woche. Was wurde wofür ausgegeben. Es könnte ein deutsches Büro sein. Gretha hat für uns eine größere Besichtigungstour vorgesehen. Von der Kirche, die zweitälteste christliche Kirche in Namibia, über den Kindergarten, die Krankenstation, in der kleinere und größere Erkrankungen ambulant durch eine Krankenschwester behandelt werden, einen Arzt gibt es nicht am Ort, bis zur Schule. Hier würde man von einer Mittelpunktschule sprechen. Etwa 2000 Einwohner hat Hoachanas, aber 602 Schüler. Etliche sind internatsmäßig untergebracht. Der Principal begrüßt uns, erklärt uns kurz das Schulsystem, nicht ohne zu erwähnen, dass ab diesem Jahr kein Schulgeld mehr bezahlt werden muss, es dafür aber beim Staat nicht mehr für die Unterrichtsmaterialien reicht, eine Geschichte die wir einige Male gehört haben. Wir laufen über das Schulgelände. Wesley zeigt uns, wie man in Hoachanas Geschichte lehrt. In einem Bereich des Geländes hat man eine Hütte gebaut, wie sie Buschleute vor der Kolonisation und vor den Wellblechhäusern aus Lehm und Zweigen benutzten. Eine neuere Errungenschaft ist die Küche in der Schule. Wesley erklärt das sehr einfach: wenn einem Lehrer auffällt, dass ein Schüler sich nicht konzentrieren kann, wird er zum Essen in die Schulküche geschickt. Hier hat man die Erfahrung gemacht, dass Ernährung und Bildung zusammen gehören.

Danach erst geht es zu „unserer“ Suppenküche. Am Rande der Siedlung gelegen steht das noch neu glänzende Gebäude aus Zinkblech nahe am Haus der Köchin Fr. Tsaitsais, auf einem Betonsockel, mit einer Tür und einem Fenster versehen. Drinnen befinden sich zwei Tische und zwölf Stühle für die Kinder. Die kommen, wie sie auch hier kommen würden, die kleineren zielgerichteter, andere scheinen noch viel zu erzählen zu haben, die Großen kommen zum Schluss. Fast schon provozierend langsam, scheinen sie auf sich aufmerksam machen zu wollen. Gretha scheint das alles sehr genau zu registrieren. Wir verstehen nichts, aber wir haben deutlich den Eindruck, dass sich die Kinder einiges anhören müssen, bevor sie in das Haus von Frau Tsaitsais gehen, um sich bereits angerichtete Teller mit dem Mittagessen abzuholen. Heute gibt es Nudeln mit Huhn. Das Huhn, auf dem Solarkocher gegart, die Nudeln in einem großen Topf über Feuer am Boden. Die Kinder sind in einem Alter von etwa 7 bis 15 Jahren ausgesucht nach der Bedürftigkeit. Einige dieser Kinder sind Aidswaisen. Oft ist das, was Frau Tsaitsais ihnen kocht, die einzige Mahlzeit, die sie erhalten. Auch hier sterben keine Kinder an Hunger. Aber Unter- oder Mangelernährung führt zu häufigeren Erkrankungen, das Wachstum verlangsamt sich, die Leistungsfähigkeit sinkt, die Kinder haben geringere Chancen, ihr Leben ohne Hilfe zu bewältigen. Zu trinken gibt es Wasser. Dafür steht der Eimer auf dem Tisch. Vor dem Essen kreist ein Emaillebecher. Mit ihm wird das Trinkwasser von der Wasserstelle aus dem Eimer geholt und getrunken. Dann wird sich ausschließlich auf das Essen konzentriert. Hoachanas am Tropf deutscher, privat organisierter Hilfe? Es scheint so. Aber was ist die Alternative? Wenn man Hoachanas gesehen hat, findet man keine. Oder sollen sie alle mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Katutura ziehen und sich in das Elend des anonymen Township begeben? Hoachanas wird noch länger auf unsere Unterstützung angewiesen sein, und es ist wichtig, die Erfolge dieser Hilfe anzuschauen. Gretha, die zielstrebige Sozialarbeiterin in der Arche ist so ein Erfolg. Auch Wesley berichtet seine Entwicklung eindrucksvoll: er sei einer der ersten Gruppe gewesen, die durch den Children Fund „gesponsert“ worden sei. Er sei deswegen sehr dankbar. Jetzt möchte er zu studieren. Er denkt, dass er gerne etwas mit Touristik machen möchte – in Namibia eine Wachstumsbranche. Oder etwas mit Musik, da hat er seine Begabung. Er sucht Georg meinem Freund und Begleiter noch Noten aus, für seinen Chor.

Ein Fazit:
Spricht man mit Menschen, die in Namibia leben oder die Entwicklung in Namibia seit langem beobachten, wie Frau Gleich es tut, kommt man zu dem Ergebnis, dass es eine durchaus positive Entwicklung gibt. Der Staatsetat für Bildung umfasst in diesem Jahr zweiundzwanzig Prozent des gesamten finanziellen Aufkommens, der für Gesundheit und Soziales liegt knapp dahinter. Das sind allerdings Entwicklungen, die wir, wenn wir als Besucher in Katutura oder Hoachanas auftauchen, nicht wahrnehmen. Wir sehen die immer noch dominierende Armut. Und die wird auch in Namibia nicht so schnell verschwinden. Auch dort kommt die Entwicklung wohl zunächst in den weißen privilegierten Schichten oder der neuen schwarzen Elite an. CAN hat seine Berechtigung und wird sie noch einige Jahre behalten.